Prosa von Manfred Schulz

 Schienen

Niemandsland

Nichts als Schienen. Döhren scheint hier zu Ende.
von Nord nach Süd dreispurig eiserne Stränge wie aus einem fernen
fremden Nichts kommend; danach liegt irgendwo verborgen der
Seelhorster… Ein Friedhof, für uns nicht mehr interessant.
Und wir Kinder? Sind nach den letzten Kleingärten der Wollearbeiter
mutig und unbedarft, ja waghalsig wenn ratternde Züge nur wenige
Meter an uns vorbeidonnern. Hier, zwischen der von Westen kommenden
eingleisigen einsamen rostigen Schiensnstrecke einer Werkbahn der Woll-
Wäscherei die nur die Strecke vom Fabrikhof und dem kleinen Bahnhof
Wülfel kennt und den blank gefahrenen Gleisen der Fernzüge, ist
Niemandsland das nur uns gehört.
Wo die Wolken unendlich weit über uns schweben spielen: mit dem
Schottersteinen sich einige Figuren legen und der Schulle aus dem
Mädchenheim, stolz wie Bolle, seine Steine über Gleise am weitesten
wirft… Weit ab vom Elternhaus im DöhrenerJammer in einer kindlich-
verwunschenen Spielwelt.
Kommt kein Zug ist es still, so still, dass wir in einiger Entfernung an den
Übergängen Peiner Straße und Erythropplstraße – diese schon in Wülfel
und sehr holperig – Schranken herunter kurbeln hören, von einem
schwachen Läuten begleitet.
Schienensirren kündigt kurz danach den Zug an. Eine fahrplangewohnte
schwarze Dampflokomotive rauscht, aus einer geheimnisvollen Welt
kommend, fauchend und zischend vorüber. An den Waggonfenstern
Unbekannte: Schlafende oder Neugierige, in die Landschaft schauende
Menschen; gleichmütig übliche Gesichter, vielleicht in Gedanken schon an
ihren Zielen… Irgendwo.
Heute ist alles bebaut, das Werkgleis entsorgt, unser Spielplatz? Jetzt der
TÜV bis an die Gleise. die sich verdreifacht haben, vorgerückt
Die Schienen und manchmal nachts bei Ostwind ein Rauschen aus der
Ferne erinnert an diese Kindertage.
Manfred Schulz                                                                      22. Oktober 2014

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