Allein zum Freizeitheim

Es war in den 1980er Jahren im November. Wir hatten uns zum jährlichen Ball angemeldet, diesmal im Freizeitheim Döhren. Da wurde mein Mann von einem heftigen grippalen Infekt erwischt und ich beschloss, allein zum Freizeitheim zu fahren. Das Freizeitheim war in wenigen Autominuten zu erreichen. Ich wollte dort kurz unsere Freunde treffen und in etwa einer Stunde wieder zu Hause sein.
Es war dunkel und eiskalt. Im langen Ballkleid fuhr ich los. Mein Mann winkte mir nach. Ich wusste, es würde am Fenster bleiben und auf mich warten.
Im Freizeitheim gab es herzliche Begrüßung. Jeder hatte etwas zu erzählen. Wünsche und Grüße sollte ich zu Hause ausrichten und nach ein, zwei Tänzen verabschiedete ich mich. Ich wechselte die Sandaletten gegen warme Stiefel und zog meinen Mantel an. Ein Freund brachte mich zu meinem Auto. Er half mir noch, alle Scheiben frei zu kratzen, dann noch eine Umarmung und tschüs.
Ich musste mich jetzt beeilen. Es war eine jener Nächte, in denen der Atem gefror. Die Fensterscheiben setzten wieder Frost an. Mein Auto war ein R 4. Die Heizung heizte nur mäßig und bei der kurzen Fahrstrecke würde es innen nur einen Hauch von Wärme geben. Also nichts wie weg, Licht an, Kupplung betätigen, Choke ziehen, nicht zu kurz, nicht zu weit, Motor anlassen, Gang einlegen – der R 4 hatte Revolverschaltung -, Blick in den Außenspiegel: aha, ein Streifenwagen mit Standlicht, nichts Ungewöhnliches, das Polizeirevier ist ja in der Nähe, Blinker setzen, Gas geben und los.
Als ich an der abknickenden Vorfahrt nach links abbog, sah ich, dass beim Streifenwagen fast gleichzeitig Abblendlicht und Blinker eingeschaltet wurden und der Wagen losfuhr. Die Straßen waren menschenleer. Außer mir und dem Streifenwagen war kein Auto weit und breit in dieser eiskalten Nacht unterwegs. Heizung und Lüftung funktionierten, die Scheiben waren frei. Blick in den Außenspiegel: der Streifenwagen war an der abknickenden Vorfahrt auch nach links abgebogen und in einiger Entfernung hinter mir.
Ich fand das sehr beruhigend. Sollte der Motor bei dieser Eiseskälte an der nächsten Abbiegung sehr unsensibel streiken, würde ich mit meinem R 4 liegen bleiben, aber da wäre ja gleich die Polizei da und könnte mir helfen.
Ich musste nach rechts in die Peiner Straße einbiegen. Ich war voll beschäftigt mit Blinker setzen, Gas wegnehmen, gucken, Choke ziehen, vorsichtig Gas geben, Choke schieben. Alles klappte, jetzt mehr Gas geben und weiter mit knapp Tempo 50. Ich behielt den Tacho streng im Auge. Ich vermutete, der Streifenwagen würde an der Peiner Straße nach links stadteinwärts fahren, tat er aber nicht, er bog wie ich nach rechts ein und fuhr wieder in meine Richtung.
Jetzt war ich doch leicht irritiert. Hatte ich was falsch gemacht? Aber dann hätte mich der Wagen längst einholen können. Ich fuhr knapp 50, Licht war an, Scheiben frei, nein, da war nichts falsch.
Plötzlich kam mir ein schrecklicher Gedanke. War das vielleicht kein richtiger Streifenwagen? Saßen da als Polizisten verkleidete Ganoven drin? Am Freizeitheim hatten sie gesehen, dass ich alleine war. Raubüberfall? Ich hatte nur wenig Geld bei mir, aber das konnten sie ja nicht wissen.
Der Wagen hinter mir hielt Abstand, fuhr auch nicht mehr als Tempo 50. Der musste also nicht schnell zu einem Einsatzort. Da war mir klar, die waren hinter mir her, warum auch immer. Mir wurde mulmig, ich hoffte noch heil nach Hause zu kommen. Ich fuhr unter der Eisenbahn durch. Am Ende der Trogstrecke musste ich um 180° nach links in die Seitenstraße der Peiner Straße einbiegen, nach wenigen Metern rechts ab und dann durch die offene Einfahrt unter unseren Carport.
Geschafft. Ich war zu Hause. Die Hausbeleuchtung schien mir heute besonders hell. Der Streifenwagen war sicher weiter auf der Peiner Straße stadtauswärts gefahren. Ich sollte nicht so viel Krimi gucken.
Ich hatte das Gartentor gerade geschlossen, als ich zwei lange Schatten auf mich zukommen sah und plötzlich standen zwei Männer in Polizeiuniform direkt vor mir. Ich dachte: „Hoffentlich sind die echt!“
Die Polizisten wünschten höflich: „Guten Abend.“
„Nerven behalten“, dachte ich, „egal, ob die echt sind oder nicht“.
„Sie kommen gerade aus dem Freizeitheim“, stellte einer fest.
„Ja.“
Sein Blick fiel auf mein langes Kleid: „Sie sind festlich gekleidet“, kurze Pause, „und Sie sind allein!“
Bei dem Wort „allein“ rutschte mein Herz auf den eiskalten Boden.
„Ja“, stimmte ich zu.
Ich erklärte den beiden, warum ich allein im Freizeitheim war: Freunde im Freizeitheim, Mann krank usw.
Er streckte seine Hand aus.
„Bitte Führerschein und Autopapiere!“
Ein Griff in meine winzige Abendtasche. „Da, bitte.“
Jetzt wollte ich es aber wissen: „Was habe ich falsch gemacht?“
Er gab mir die Papiere zurück. „Gar nichts“, sagte der eine, während der andere mit einer Taschenlampe meinen R 4 ableuchtete.
Ich muss wohl ziemlich entgeistert geguckt haben.
„Gar nichts“, wiederholte er, „Sie sind nur vorsichtig gefahren.“
„Ich fahre immer vorsichtig“, sagte ich.
Da hörte ich hinter mir ein Lachen und die Stimme meines Mannes. „Mir dem Auto kann man doch nur vorsichtig fahren!“ Und jetzt erklärte mein Mann noch einmal, warum ich allein im Freizeitheim gewesen war.
Plötzlich mussten wir alle lachen. Die Polizisten wünschten noch freundlich: „Nichts für ungut und gute Nacht!“
Wir sahen dem Streifenwagen nach, bis er in der Dunkelheit verschwunden war. Ich atmete tief durch: „Jetzt brauche ich einen Cognac.“

Gisela Wiznerowicz