Arbeitermilieu im kleinen Mädchenheim

Thema: Wolle

Ich werde zum Mittagessen nicht nach Hause kommen sondern in der Werkskantine essen sprach Willi Drögemüller morgens zu seiner Frau Anni. Es wird heute eines der vier Schlammbecken bei der Fettfabrik geleert, ich muss diesen mit dem Trecker auf das Gelände am Schwarzen Weg transportieren und entsorgen. Die letzten Tage hat es viel geregnet, das zugewachsene einsame Gelände dort ist sehr tiefgründig, hoffentlich fährt sich der schwer beladene Anhänger nicht fest.

Anni Drögemüller arbeitete wie die meisten Arbeiterfrauen in der Sortierung vom Werk und war in dieser Woche zur Spätschicht von 14 bis 22 Uhr eingeteilt. Dann werden wir uns heute nicht mehr sehen sagte Willi beim Verabschieden. Wenn du nicht zu Hause bist, geh ich heute Nachmittag in unseren Garten an der Frobösestraße; vielleicht schaut der alte Kracke über den Zaun. Ich habe ja in der Laube eine Flasche Ditterker Doppelkorn und beim Klönen trinken wir einige Schnäpse.

Willi Drögemüller nahm seine Blechbüchse mit dem Frühstücksbrot und lief zum Uhrturm wo die Garage für den Trecker war. Früher stand dort auch die schwarze Limousine für den Direktor Heinze, sein Fahrer war Heinrich Bock und wohnte im großen Mädchenheim vom Jammer, ein Großgewachsener mit Bauch und hoch geschorenem Haaransatz so dass man seinen fetten Stiernacken sehen konnte. Er war noch ein Anhänger der feudalen Zeit und trug stolz seinen Kaiser Wilhelm Bart.

Auf den Weg dorthin traf er seinen Schwager Paul Kölle der in einer Hofkolonne arbeitete. Diese vier bis fünf Leute sah man überall auf dem Wollegelände oder in den Straßen vom Jammer. Sie waren für die Wege zuständig, mussten ausgefahrene Löcher auf den Sandwegen mit der Kohleschlacke vom Kraftwerk abdecken, Äste entfernen, manchmal auch ganze Bäume absägen, Laub harken und was selten vorkam – entgleiste Waggons der Werkbahn wieder auf die Schienen heben. Das dauerte Stunden oder Tage, es gab damals noch keine motorisierten Kranwagen.

Diese Clique war überall, manchmal standen auch nur ihre Karren irgendwo in der Straße, dann wusste jeder: die sitzen bestimmt beim Bierverkauf Dräger in der Werrastraße im Garten und besaufen sich.

Paul Kölle und vor allen seine Frau Irmgard waren gewerkschaftlich sehr engagiert, man könnte sagen: Sie war schon in den 1950er Jahren dort eine Funktionärin im gewerkschaftseigenen Büro.

1958 hat die Gewerkschaft wochenlang die Wolle bestreikt, Paul Kölle war einer der Streikposten am Pförtnerbüro vom Haupteingang. Ihr Streikgeld mussten die Arbeiter vom Streikbüro in der Gaststätte „Döhrener Gesellschaftshaus“ abholen.

Manfred Schulz