Seelhorster Friedhof

Besuch im Friedhofsmuseum                                                                                                                (2014)

Stille hatten wir erwartet, aber außer uns war noch eine Schülergruppe da, wir schätzten etwa drittes Schuljahr und da ging es sehr lebhaft zu. Mädchen und Jungen liefen rufend und lachend hin und her. Alle hatten einen Stift in der Hand und am erhobenen Arm wehte wie eine Fahne ein Bogen Papier. In kleinen Gruppen wurde diskutiert, auf dem Papier wurde abgehakt und dann stieben sie wieder auseinander. Wir blieben stehen und sahen eine Weile amüsiert zu.

Das Museum ist im alten Krematorium eingerichtet. Es gibt Gewölbe und lange Gänge. Weit vor uns im Gang sahen wir eine große schwarze Gestalt mit tief herunter gezogener Kapuze und einer Sense auf dem Rücken. Die Kinder tobten um die Gestalt herum, fröhliches Lachen und Kreischen hallte unter den Gewölben entlang. Die beiden Begleiterinnen der Kinder und ein Mitarbeiter des Museums standen etwas abseits und sahen dem unbekümmerten Treiben wohlwollend lächelnd zu.

Die kindliche Fröhlichkeit übertrug sich auch auf uns. Zwar lachten wir nicht laut, aber von jetzt an betrachteten wir die ausgestellten Friedhofswerkzeuge, die Särge und Grabsteine mit entspannter Heiterkeit.

Wir waren so vertieft mit Schauen und Staunen, dass wir die Zeit vergaßen. Es war totenstill geworden in den Gewölben. Die Kinder waren weg. Wir hatten nicht bemerkt, dass sie gegangen waren. Der Zeiger einer Uhr rückte lautlos weiter. Von den Mitarbeitern war niemand zu sehen. Auf einmal waren wir ganz allein und an der Stelle, wo vorhin der schwarze Sensenmann gestanden hatte, war der Platz leer.

Ein Blick auf die Uhr. Das Museum würde in wenigen Minuten schließen! Wir hatten längst nicht alles gesehen. Da stand noch eine Tür offen … oh, da stand an der Wand ein offener Sarg, eingerichtet als Barschrank und daneben der Sensenmann. Unsere Augen wanderten noch schnell über die skurrilen Gegenstände in den Vitrinen. Dabei hatten wir das unheimliche Gefühl, beobachtet zu werden. Wieder ein Blick zur Uhr, noch zwei Minuten bis zur Schließung. Wir folgten den Schildern zum Ausgang. Niemand war zu sehen. Die Tür stand offen und wir gelangten ins Freie.

Nach ein paar Schritten hörten wir hinter uns dunkles Knarren. Wir drehten uns um. Die große schwere Holztür begann sich zu schließen. Im letzten schmalen Spalt sahen wir eine Sensenspitze verschwinden, dann fiel die Tür ins Schloss.

Gisela Wiznerowicz