Wie wir Seelhorster wurden.

Als junges Ehepaar kauften wir Anfang der siebziger Jahre in der Gemarkung Döhren ein nicht erschlossenes Baugrundstück an einer nicht vorhandenen Straße. Der Bebauungsplan lag vor und die Stichstraße zur Erschließung von hinteren Grundstücken sollte „bald“ gebaut werden. Zu unserem Grundstück führte ein schmaler Trampelpfad durch verwildertes Gartengelände. Wir erhielten die Baugenehmigung, aber der Bau der Stichstraße ließ auf sich warten. Mehrmals waren wir im Bauordnungsamt und irgendwann erfuhren wir, dass mit dem Straßenbau im Juni 1972 begonnen werden sollte. Die Bauzeit war für fünf Monate geplant. Eine Garantie gab es nicht. Unsere Zeitpläne für Hausbau, Kündigung unserer Wohnung und Umzug gerieten ins Wanken. Das verwilderte Gartengelände wurde inzwischen auf geheimnisvolle Weise vielfältig genutzt. Schließlich kamen wir mit dem Bauordnungsamt überein: Wir könnten vor dem Straßenbau schon mal den Keller bauen und nach dem Straßenbau das Haus draufsetzen.

So fuhren die Baufahrzeuge über das verwilderte Gelände zu unserem Grundstück am Ende der zukünftigen Stichstraße. Der Keller stand im Rohbau da, als die Stadt pünktlich mit dem Straßenbau begann.

Ein paar Monate später war die Straße fertig. Im Herbst 1972 war unser Haus eingedeckt. Noch auf der Baustelle erhielten wir die ersten Blumen, Anschrift: „Hinter der Bahnschranke – Stichstraße an der Peiner Straße – Hannover-Döhren – Neubau Wendeplatz“. Das war dann auch unsere Anschrift für die nächsten Monate.

Wir gingen zur Post und zeigten dort auf dem Stadtplan, wo die neue noch namenlose Straße zu finden ist. Die Postzustellung klappte ohne Probleme.

Ordnungsgemäß meldeten wir uns beim Ordnungsamt an. Man hörte uns freundlich und interessiert zu. Von einer neuen Straße „hinter der Schranke“ war hier nichts bekannt und eines Tages kamen zwei Mitarbeiter zu Fuß in die Stichstraße und überzeugten sich vor Ort, dass es hier tatsächlich eine neue Straße gab.

Wir glaubten, im Stadtteil Döhren zu wohnen, machten aber schnell die Erfahrung, dass „Döhren“ rund um den Fiedelerplatz lag, ein paar naheliegende Straßen eingeschlossen. Das Gebiet östlich der Hildesheimer Straße konnte man noch wohlwollend als Döhren bezeichnen, aber wir wohnten noch weiter östlich, nämlich „hinter der Bahnschranke“ und das war eben „Döhren, hinter der Schranke“.

Ach, die Schranke am Bahnübergang Peiner Straße! In Döhren am Fiedelerplatz konnte man ja gut einkaufen, aber man musste erstmal hinkommen. Bei Hin- und Rückweg zu Fuß oder mit dem Fahrrad konnte man bis zu zwanzig Minuten oder noch länger vor der geschlossenen Schranke stehen.

Anfang 1973 teilte uns die Landeshauptstadt Hannover mit, dass unsere Straße den Namen „Vennweg“ erhalten hat. Ein Straßenschild wurde auch aufgestellt. Jetzt hatten wir eine richtige Adresse. Der Briefträger strahlte, als er die erste Post mit der offiziellen Anschrift brachte. Im Ordnungsamt gratulierte man uns und es gab ein lebhaftes Erinnerungsgespräch über die einst namenlose Straße.

Es tat sich was in Döhren. Am Bahnübergang Peiner Straße wurde endlich eine Fußgängerbrücke mit langen Rampen gebaut, und alles, was Füße, Räder und Rollen hatte, kam über die Brücke. Die Ausrede. „Ich musste so lange an der Schranke warten“ oder „Die Schranke war zu“ konnte man nicht mehr anwenden.

Bis 1976 wurde auch die Trogstrecke unter den Eisenbahnschienen gebaut. „Döhren, hinter der Schranke“ gab es nicht mehr. Aber zu Döhren gehörten wir auch nicht. Es bildete sich die Bezeichnung „Döhren, hinter der Bahn“ und „Döhren-Seelhorst“ heraus. Jedenfalls haben wir im Laufe der Zeit gelernt, dass der echte, der alte, der richtige Ortsteil Döhren überwiegend westlich der Hildesheimer Straße liegt. Wir bringen für solcherlei Gedankengänge durchaus Verständnis auf.

Bei unseren Erkundungen kamen wir selbstverständlich auch „in die Wolle“. Die Wollkämmerei wurde 1973 geschlossen, und es schien als sei die dazugehörige Arbeitersiedlung dem Verfall ausgeliefert. Wir hofften, die Backsteinhäuser würden erhalten bleiben. Wir spielten mit dem Gedanken, hier ein Häuschen oder eine Zweitwohnung zu haben. Dann hätten wir wirklich eine Wohnung in Döhren.

Als Ende 1977 von der Stadt Hannover eine Begehung im Döhrener Jammer angeboten wurde, waren wir mit dabei. Es sah im Jammer wirklich jämmerlich aus. Wir begruben unseren Gedanken, hier eine Wohnung, geschweige denn ein Haus kaufen zu können.

Längst ist aus dem Döhrener Jammer ein gelungen renoviertes Wohngebiet geworden und wir gehen gern allein oder mit Freunden durch „die Wolle“.

Nach und nach gewöhnten wir uns daran, dass wir nicht in Döhren, sondern mehr in Seelhorst wohnten und es fiel uns nicht schwer, ein paar Jahre später innerhalb des Stadtteils Seelhorst umzuziehen.

Wir sind Seelhorster geworden. Zur Eilenriede ist es nicht weit, das Freizeitheim kann man zu Fuß erreichen, es gibt kleine Straßen mit hübschen Häusern und liebevoll gestalteten Vorgärten. Mit zwei Buslinien sind wir sehr gut an öffentlichen Nahverkehr angebunden und wenn im Herbst 2017 in der Eupener Straße der Supermarkt eröffnet wird, können wir bequem in der Nähe einkaufen, auch mit Rollator.

Wir fühlen uns wohl hier und sagen ganz selbstverständlich: „Wir wohnen in Seelhorst.“ Aber in jüngster Zeit kommen Zweifel auf. Vor ein paar Wochen nahmen wir in der Stadt ein Taxi und gaben als Zielrichtung „Seelhorst“ an. Zu unserer Überraschung fragte der Fahrer: „Alt-Seelhorst oder Neu-Seelhorst?“

Gisela Wiznerowicz