Schneemänner

Heller als sonst am frühen Morgen scheint die Hoflaterne durch die zugezogenen Gardinen. Ich zieh sie zur Seite und das stille Weiß hat unseren großen Hof in dieser Nacht zum Sonntag in eine Winterlandschaft verwandelt. Schnell werden die Puschen gesucht und noch im Schlafanzug poltere ich die alte Holztreppe nach unten, springe die letzten Absätze auf die Diele, vorbei an der Wohnungstür des Cheffahrers vom Direktor Heinze, Heinrich Bock, zur immer offenen Seitentür eines Nebeneingangs vom Mädchenheim. Der reißt die Tür auf und ich bekomme heute meinen ersten Anschnauzer. Draußen: Amsel und Katzenspuren. Herrlich die Keilschrift vom Vogel im frischgefallenen Schnee. Ich tobe mit langen schnellen Schritten über die riesige Fläche und spüre nicht, wie meine Hausschuhe und die dünne Hose bis zum Knie völlig durchgenässt ist. Nach und nach kommen immer mehr Kinder aus dem Mädchenheim und den dahinter liegenden Baracken und erste Schneebälle fliegen durch die Luft; gegen Holztüren, Wänden und Fensterscheiben. Meine Mutter ruft mich nach oben zur Wohnung in der ersten Etage und als ich meine dicken Wintersachen angezogen habe ist draußen schon überall Kindergeschrei und die ersten Fenster werden aufgerissen. Wie meistens, sind es die alten Frauen die uns ankeifen. Zwischen den Jungs vom Mädchenheim und unseren Rivalen aus den Baracken beginnt lauthals die erste Schneeballschlacht. Irgendwann sehen wir alle aus wie Schneemänner und haben keine Lust mehr zum Raufen.

Schneemänner: Manfred Schulz, Manfred Rochfalski, Rolf Mohr, Rainer Kreter
Schneemänner: Manfred Schulz, Manfred Rochfalski, Rolf Mohr, Rainer Kreter

Der kräftigste aus dem Mädchenheim, Rolf Mohr, fängt an eine große Schneekugel zu rollen. Manfred Schulz und Rainer Kreter rollen auch Kugeln. Rolf hat natürlich die größte, die kommt nach unten und gemeinsam hieven sie alle übereinander. Er besorgt aus dem Hühnerstall des Großvaters hinter dem Mädchenheim einen alten Besen, der wird durch den von Manfred Rochfalski geformten Mantel aus Schnee gestoßen. Das war der erste und größte Schneemann den wir auf unseren Hof in diesem Winter gebaut hatten. Er stand dort sehr lange und wurde sogar von der Richartzstraße aus lange bewundert.

Manfred Schulz  <24.02.2015>